Elizabeth & the Catapult
07 Jan 2011 Hinterlasse einen Kommentar
in Musik
Ich mag Bands, die das gewisse Etwas haben – meistens äußert sich dieses durch das “&” im Namen: Florence + The Machine, Noah and the whale, Pearl and the Beard, Rupa and the April Fishes…da gibt es jede Menge. Vor einer Weile bin ich auf Elizabeth & the Catapult gestossen. Zuerst auf den Song “Race You” von ihrem ersten Album “Taller Children”, das im Mai 2009 in den USA veröffentlicht wurde. Im Oktober 2010 folgte das zweite Album “The Other Side Of Zero”, das anders klingt als der Vorgänger, aber trotzdem genau den besonderen Sound der Band transportiert: Sorgfältig komponierte und arrangierte Stücke mit intelligenten Texten. Der Song, der sich in meinem Ohr am hartnäckigsten festgesetzt hat, ist “Perfectly Perfect” – leider nur als Bonustrack via iTunes in den USA zu haben, wir müssen uns also mit youtube und podcasts zufrieden geben. Die Stimme von Elizabeth Ziman, Frontfrau des Trios, deckt eine große Bandbreite ab, von augenzwinkernd (“Momma’s Boy”) bis nachdenklich-traurig (“Apathy”). Noch ist das Trio eine relativ “kleine” Band, die hauptsächlich um New York herum unterwegs ist, doch ich hoffe, dass sie irgendwann in naher Zukunft auch mal bei uns vorbei schauen (und dann hoffentlich auch in meine Nähe kommen).
Hier gibt es ein schönes Feature von BaebleMusic mit einem Interview und einigen tollen Songs:
http://www.baeblemusic.com/player640x360.swf?flvList=Elizabeth_and_the_catapult/Elizabeth_YouAndMe_768.m4v&concertList=349&song=0&videoType=CON
Watch the full video at Baeblemusic.com
Aussicht: trüb
02 Nov 2010 Hinterlasse einen Kommentar
Wintersemester. Ein Berg von Arbeit schlägt über meinem Kopf zusammen, tausende Seiten müssen gelesen (und am besten memoriert) werden…natürlich hätte man einen Teil schon vor Semesterbeginn abarbeiten können. Was ich halbherzig getan habe. Nur um festzustellen, dass es nicht ausreicht, fünf von dreissig Primärwerken gelesen zu haben. Also lese ich jetzt panisch, hetze von Seite zu Seite. Plötzlich werden Spielplätze wieder interessant, denn im Gegensatz zu meiner doch relativ kleinen Wohnung bieten sich dort unendliche Möglichkeiten der Beschäftigung, vorausgesetzt das Wetter spielt mit. Was es ja im Moment noch tut. Es war sogar so warm, dass ich die Begeisterung meiner Kinder für die Wasserpumpe auf Spielplatz A getrost ignorieren konnte, um mich durch “Die Elixiere des Teufels” zu quälen. E.T.A. Hoffmann mag ja ein Meister des Schauerrommans gewesen sein, aber nicht enden wollende Seiten ohne Absatz machen beim Lesen einfach keinen Spass. Trotzdem habe ich die Elixiere hinter mich gebracht. Es folgt Büchners “Lenz” und Lessings “Laokoon”. Dann zurück zu Seelenhandel und Teufelspakt. Immerhin, DIESES Thema macht mir Spass. Natürlich frage ich mich auch ab und an, ob ich meine Seele verkaufen würde, um endlich Ruhe zu haben…Das wäre aber ganz schön teuer bezahlt. Also verlagere ich mich lieber darauf, die stillen Nachtstunden auszuschöpfen. Von neun bis zwei in der Nacht lässt es sich wunderbar arbeiten. Leider ist Kind eins ja jetzt Schulkind, das heisst, die Nacht ist ziemlich schnell wieder zu Ende, aber Ausschlafen ist so oder so nur noch eine ferne Erinnerung aus einem vorkindlichen Leben. Und das frischgebackene Schulkind hat nach nur sechs Wochen Bankdrücken schon die ersten Ferien, eine Schulkomponente die mich irgendwie doch überrascht hat: die Uni kennt keine Herbstferien, was mach ich also jetzt mit dem Nachwuchs? Also doch Seele verkaufen.
Liebe Grüße, der Goldfisch.
Hexe, Hexe, was kochst du heute?
11 Okt 2010 Hinterlasse einen Kommentar
Ich koche einen Eintopf und tue hinein: gestocktes Drachenblut, Augengelb, Holzwurmwabbel, Käfergekröse, Fischlaichglibber, gemahlene Fingernägel, Krötenwarzensaft, Pickelpampe und Klein Glitzerhexens Universalzutat: Pups. Wortspiele machen herrlich Spass, und das traditionelle “Ich packe meinen Koffer und tue hinein” ist doch ein bisschen langweilig. Beim Hexeneintopfkochen geht es viel bunter zu: man kann sich die herrlichsten Zutaten ausdenken und muss sie sich auch noch merken, schließlich muss man die ganze Reihe wiederholen, wenn man dran ist. Und es gibt so herrliche Wörter! Einhornsilberfellglanz! Wolkenwisperwindhauch! Kakaokäferkraut! Zehnageldreckpulver, Auswurfpastete, Florfliegenflügelsalat, Heuschreckenschenkelschleckerei, Regenbogeneinhornflügelponyhaar… Hach, ist das schön.
Allheilmittelwunderwaffengeheimtipp!
07 Okt 2010 Hinterlasse einen Kommentar
Zeit, positiv nach vorne zu schauen. Eine ganze Menge Ärger hat seinen Ursprung in Müdigkeit und Langeweile. Wenn die Nerven der lieben Kleinen vor lauter Müdigkeit schon leise Knirschen, reicht der kleinste Anlass, die kleinste Erschütterung, eine Explosion herbeizuführen. “Ich will nicht dieses Buch lesen!” – “Schau mich nicht an!” (das ist besonders heikel, wenn dieser Fall eintritt, ist es für Rettung in der Regel zu spät) – “Ich will nicht…xy!”
Alles halb so schlimm, denn jetzt gibt es ein neues Wundermittel, das Ihre schreienden kleinen Bestien in süße brave Feen verwandeln wird! Getestet und für gut befunden! Wenn Sie mal nicht mehr weiter wissen, greifen Sie zu Glitzer! Glitzer macht Ihr Leben wundervoll angenehm, erfüllt Ihr Haus mit Ruhe und beschäftigt Ihr lieben Kleinen für Stunden! Lassen Sie die Kinder mit Glitzer basteln und malen, und Sie können in aller Ruhe und Friedlichkeit Ihren Aufgaben nachgehen.
Aber Vorsicht! Glitzer macht sehr schnell hochgradig abhängig! Für Risiken und Nebenwirkungen haften Sie selbst. Überlegen Sie also gut, bevor Sie diese Wunderwaffe auspacken, es könnte sein, dass Sie nie wieder einen Tag ohne Glitzer verbringen werden. Sollte der Glitzer zur Neige gehen und Sie haben keinen Ersatz im Haus, droht Ihnen der Weltuntergang. Zudem handelt es sich bei Glitzer um eine klebrige Substanz, die sich in sämtlichen Kleidungs- und Möbelstücken, Fußbodenritzen, Schuhen und Nahrungsmitteln ablagert und nur sehr schwer wieder zu entfernen ist. Ein guter Staubsauger und eine Superwaschmaschine sind also unabdingbare Hilfsmittel, um Herr über den Glitzer zu bleiben. Aber was sind schon die paar Kleinigkeiten, wenn es um Ruhe und Frieden geht! Und, mal ehrlich, wer glaubt schon dem Kleingedruckten?!
In diesem Sinne kann ich nur wiederholen, was ich früher schon einmal feststellte: Alles ist nichts, das nicht glitzert. Liebe Grüße aus dem Goldfischglas.
Blauer Streit
04 Okt 2010 Hinterlasse einen Kommentar
Meine Kinder streiten. Unablässig. Wegen staubkorngroßer Nichtigkeiten. Wegen Dingen, von denen ich nicht einmal wusste, dass sie existieren, geschweige denn von staatsträchtiger Wichtigkeit sind. Sie streiten, wer auf dem Weg irgendwohin vorne fahren darf. Wer auf dem Weg zurück von irgendwo vorne fahren darf. Wer überhaupt fahren darf und mit was. Wer zuerst aus der Tür hinaus und in die Tür hinein darf, welches Buch wann gelesen wird, wer zuerst welchen Teller, welches Messer, welche Gabel, welchen Löffel haben darf. Wer auf dem Spielplatz zuerst schaukeln darf und wie lange. Wer sich wie anziehen muss. Wer welches Buch zuerst anschauen darf, wie das Buch, aus dem vorgelesen wird gehalten werden muss. Sie streiten sich um die rosafarbene Barbiemeerjungfrau (die zwar einen eindeutig definierten Besitzer hat, welcher aus Kompromissgründen nie mit ihr spielen darf), und dabei ist es völlig egal, dass es noch fünf weitere Barbiemeerjungfrauen in verschiedenen Farbstellungen gibt. Sie streiten sich um den blauen Holzstift, und dabei ist es völlig egal, dass es in der Stiftekiste noch fünfundzwanzig weitere blaue Holzstifte gibt, drei davon im exakt gleichen Farbton. Der Versuch, Streit zu vermeiden, indem man Dinge, die Anlass zu Streit geben könnten (also alles), doppelt anschafft, im besten Fall sogar doppelt doppelt, scheitert in aller Regel kläglich.
Vielleicht haben meine Kinder einfach Lust am Streiten, oder ihre Streitlust dient ihrer Entwicklung. Vielleicht formt sie den Charakter. Ich würde aber liebend gerne eine Abkürzung auf dem Weg zum Charakter nehmen, denn die ewige Streiterei ist zermürbend. Das Mittel der Wahl, den eigenen Willen durchzusetzen ist nämlich – Überraschung – einfach lauter zu schreien als die andere. Und wenns nicht funktioniert, kann man der Gegnerin in einem unbeobachteten Moment noch eine auf den Schädel geben oder den Streitgegenstand als Waffe benutzen. Sanfte Deeskalation ist wenig erfolgsversprechend, und Flucht kommt leider nicht in Frage.
In letzter Zeit bekomme ich immer wieder zu hören, dass ich Monster Nr Zwei bevorzuge, aber dieser Eindruck täuscht. Ich versuche lediglich, auch Monster Nr Zwei einmal ihren fairen Anteil an rosa Meerjungfraubarbie, blauem Stift und als erste vorne fahren zu verschaffen, denn Monster Nr Eins hat eine sehr effektive Methode, immer zu gewinnen (auch wenn sie selbst das nicht so sieht): Sieht es so aus, als würde Monster Nr Zwei ihren Willen durchsetzen können, schreit und weint sie so laut und lange, bis das kleinere (und kompromissbereitere) Monster einknickt und dem größeren Monster den Streitgegenstand überlässt.
Bei all dem Streit sind beide Monster aber todunglücklich, wenn sie einander nicht haben, und vor lauter Trennungsschmerz sind sie alleine beinahe genauso ungeniessbar wie zu zweit. Ich übe mich also in Geduld, hoffe, dass irgendwann in sehr naher Zukunft die Streitgründe versiegen. Bis dahin klammere ich mich an einen Gedanken: Tief durchatmen.
Liebe Grüße aus dem sturmgepeitschten Goldfischglas
Inseln und Abgründe
30 Sep 2010 Hinterlasse einen Kommentar
Was waren noch mal die Argumente dafür, Kinder zu bekommen? Ach ja: es gibt keine. Kinder sind teuer, brauchen Betreuung (die auch teuer ist), rauben einem den Schlaf (von Gesundheit und jugendlicher Frische ganz zu schweigen) und den letzten Nerv. Das aber gründlich: Langsam und grausam ziehen sie auch das letzte Nervenende mit einer glühenden Zange aus dir heraus. Indem sie schreien. Wütend auf den Boden stampfen. Schreien. Nicht zuhören sondern schreien. Um sich schlagen, kratzen, beissen und schrill und rückenmarkquirlend schreien. Bis man sie am liebsten packen und schütteln würde, oder zurück beissen, treten, schlagen, bis es endlich wieder still ist. Sie bringen dich an den alleräußersten Rand deiner Selbstbeherrschung, dort wo zwischen dir und dem schwarzen Abgrund der verlorenen Beherrschung nur noch ein hauchdünnes, spinnwebfeines Restchen Vernunft harrt und mit zartem Stimmchen flüstert “Tus nicht, das macht die Probleme nur grösser!”
Es ist ein Wunder. Nicht das Kinder bekommen oder haben, sondern dass diese Kinder erwachsen werden, obwohl sie uns fast täglich mit dem schwärzesten Winkel unserer Seele bedrohen. Der Winkel, in dem Mord und Totschlag lauern. Es sind nicht die Kinder alleine, die diese rasende Wut anfeuern. Sie sind schließlich Kinder, sie können nichts dafür, dass sie ab und zu oder auch jeden Morgen, Mittag und Abend einen Kurzschluss haben. Sie können nichts dafür, wenn das System abstürzt und sie nur noch irrational schreien. Aber dass du selbst als Erwachsener macht- und hilflos bist, nicht in der Lage das Schreien zu beenden, dass es keine Fluchtmöglichkeit vor dem Schrecken des nächsten Tages gibt – das nächste Schreien kommt bestimmt, und du musst wieder hin, du kannst nicht einfach abhauen – das feuert die Wut an, füttert die Aggression. Aber was soll man tun? Es gibt keinen Ausweg. Das ist eigentlich das mächtigste Argument gegen Kinder: wenn man sie hat, dann hat man sie.
Warum also wollte ich Kinder? Ich weiß es nicht mehr, habe es vergessen. Ja, es ist lustig, denn Kinder sagen eine Menge witziger Dinge (“Mama, ich glaube Griechenland heißt so, weil da so viele Schnecken kriechen”), und es ist erstaunlich und rührend und unglaublich groß. Aber das ist das Land, die rettende Insel, die man sich herbei wünscht, während man schiffbrüchig durch eine grautrübe See treibt. Die Insel, von der man zu schnell vergisst, dass es sie vielleicht tatsächlich gibt. Vor den Kindern denkt man nur an das großartige. (Irgendwie auch sinnvoll, sonst wären wir wohl schon ausgestorben – obwohl, angeblich soll Sex ja Spass machen). Ganz schnell aber treiben die Kinder dich in einen Sumpf, aus dem es kein Entrinnen gibt; sie nageln dich fest (und ihre Nägel sind ohrenzersplitternde Schreie).
Eigentlich wollte ich nicht jammern. Wenn ich aber nicht ab und zu den Ärger ausspreche, frisst er irgendwann mein spinnwebfeines Vernünftchen auf. Ausgesprochen aber ist der Horizont nicht mehr ganz so schwarz, und ich kann sogar wieder – ganz in der Ferne – eine kleine Insel erkennen, auf der das Leben lustig und schön ist und Kinder Dinge sagen wie: “Alles Gute und schöne Besserung.”
In diesem Sinne: Liebe Grüße aus dem sturmtrüben Goldfischglas.
Das Sieb im Kopf
22 Sep 2010 Hinterlasse einen Kommentar
in Uncategorized Schlagworte: Freunde, Gedächtnis, Kindheit
Die Wahrheit ist, dass ich an meine Kindheit erschreckend wenige explizite Erinnerungen habe. Überhaupt verliert sich das Vergangene in meinem Leben relativ schnell zu einer blassen Suppe, dem Echo von Erlebnissen und Gefühlen, und nur wenige definierte Einlagen schwimmen darin herum. Ich erinnere mich, dass ich in der ersten Klasse einmal meiner Lehrerin einen tollen Edelstein zeigen wollte, den ich geschenkt bekommen hatte. Sie zeigte kein Interesse daran, deshalb ließ ich ihn solange auf meinen Tisch fallen, bis sie mich anschnauzte, es wäre jetzt gut. Noch jetzt krümme ich mich angesichts dieser Peinlichkeit. Peinliche Momente sind mir doch ein paar im Gedächtnis geblieben. Im großen und ganzen aber ist meine Kindheit ein nebliges Land in weiter Ferne.
Mit Büchern ist es anders. Ich erinnere mich an beinahe jedes Buch, dass ich jemals gelesen habe und kann auch Jahre später noch eine kurze Zusammenfassung abgeben.
Vielleicht liegt im Schreiben auch der Grund für mein schlechtes Gedächtnis: Ich habe relativ früh begonnen, Tagebuch zu führen. Was ich aufschrieb war archiviert, folglich konnte der benötigte Speicherplatz für anderes (zum Beispiel die Handlung eines Buches) zur Verfügung gestellt werden.
Allerdings habe ich inzwischen festgestellt, dass es nicht sehr sinnvoll ist, sämtliche Ärgernisse umgehend von der Festplatte zu löschen (ob aufgeschrieben oder nicht), denn hin und wieder wird man aufgefordert, Begründungen zu liefern. Begründungen für Handlungen, Gefühle, Nichtgefühle, deren Ursache schon lange ihre gnädige Ruhe im Nirwana des Vergessens gefunden haben. Dummerweise lässt sich die Routine, die automatisch das Löschen übernimmt, nicht stoppen (und ich habs weiß Gott versucht!). Ich schäme mich also für das Sieb in meinem Kopf, stochere ab und zu im Abfluss herum auf der Suche nach irgendetwas hängengebliebenen (was auch eine plausible Erklärung abgibt), meistens mit eher mäßigem Erfolg. Ich bin noch keine dreißig, die Hälfte meines Lebens ist jedoch schon vom Winde verweht. Ich erzähle oft, dass ich Vegetarier bin, seit ich dreizehn war – in Wahrheit bin ich mir gar nicht so sicher, ich vermute das lediglich, weil ich in der siebten Klasse an einem Schüleraustausch teilgenommen habe und da schon Vegetarier war (ich habe im Zug den Satz geübt: “Je suis vegetarienne”), und in der siebten Klasse müsste ich dreizehn gewesen sein. Von meinem Leben wäre noch viel mehr spurlos verschwunden, wenn ich nicht eine Freundin hätte, die mich seit frühester Kindheit begleitet und sich den ganzen Kram für mich gemerkt hat. Sie überrascht mich immer wieder mit Geschichten aus unserer Kindheit, bei denen ich angeblich dabei war. Manches taucht wieder aus dem Nebel auf, wenn sie mich daran erinnert, manches muss ich ihr unbesehen glauben. Meine Erinnerungen an die Kindheit sitzen also in einem fremden Kopf. Ich vermute, wenn meine Freundin mich ständig begleiten würde, auf mich aufpassen würde und sich all das merken, was bei mir durch die Expressspülung rauscht, dann hätte ich mein Leben nicht so vermasselt. Leider verliert man sich auch mal aus den Augen, und nun, da sie mich endlich wiedergefunden hat, bin ich ein bemitleidenswertes, hilfloses und völlig aufgeschmissenes Häufchen Elend, das in einem Leben feststeckt, das ihm schon lange über den Kopf gewachsen ist. Ich weiß zwar jede Menge nutzloses Zeug (Wolle spinnen und mit Schilfblüten grün färben zum Beispiel, einen Wandanstrich aus Pigmenten, Borax und Schlämmkreide selbst herstellen und ein Buch binden), aber das wirkliche Leben ist eine Nummer zu groß für mich. Ich bin immer noch ein Kind, das sich vor der Verantwortung drückt. Deshalb, meine liebste beste tollste Freundin, bin ich so froh, dass ich dich habe. Lass mich bitte nie mehr allein.
Liebe Grüße aus dem Goldfischglas.
Mr. Darcy
21 Sep 2010 Hinterlasse einen Kommentar
in Uncategorized Schlagworte: Mr. Darcy
Ja, meine Traummänner stammen aus Büchern. Von meinem 13 Lebensjahr bis…naja, eigentlich immer noch – war ich verliebt in Joeffrey de Peyrac. Leider ist der vergeben an Angélique. Und mit der kann ich nicht mithalten. Mich hat nie gestört, dass er hinkte und eine Narbe sein Gesicht entstellte. Er war unglaublich charmant, selbstsicher und verführerisch geheimnisvoll. Später wurde sein Hinken abgelöst durch eine gebrochene Stimme. Auch das störte mich nicht. Ich wünschte mir, die Frau seines Herzens zu sein. Nachdem ich Jane Austens Pride and Prejudice gelesen hatte, bekam Anne Golons Joeffrey einen Gefährten: Mr. Darcy. Welche Frau kann ihn nicht lieben? Und seit ich die BBC Verfilmung gesehen habe, hat mein Mr. Darcy auch ein scharf umrissenes Gesicht: Colin Firth. Wie habe ich mit seiner Sprachlosigkeit gelitten, mich unter seinen inneren Qualen gewunden, dass es mir den Magen umgedreht hat! Ach Herzschmerz. Und wie habe ich geweint, als er am Schluss seine Elisabeth hatte.
Mein persönlicher Mr. Darcy ist noch nicht vorbei gekommen. Nun, einen Kandidaten hätte ich, doch der hält sich noch bedeckter als der echte Mr. Darcy. Dabei würde ich ihm mit größter Dankbarkeit mein Herz zu Füssen legen. Ich wäre ihm aber auch dankbar, wenn er mir wenigstens sagen würde, ob er für mein Herz Verwendung hat oder nicht. Aber er schweigt. Innerlich krümmt sich mein Seelchen immer mehr zusammen unter dem herben Schlag, nicht einmal zurückgewiesen, sondern lediglich ignoriert zu werden. Poor me. Nicht einmal die Gewissheit tröstet mich, dass Mr. Darcy mich nicht verdient, denn wenn ich ehrlich bin – ich verdiene keinen Mr. Darcy. Wenn ich also in ferner oder naher Zukunft das Zeitliche segne, weil es mich erlöst, so werde ich immer noch alleine sein und einer Romanfigur hinterherträumen. Denn die Liebe, die mein Herz dieser Figur nachträgt, ist tiefer als alles, was ich in der Realität je empfinden konnte – gegenüber einem Mann der mich auch angesehen hätte.
Zum Schluss muss ich mich vom unsterblichen Mr. Darcy zum unsterblichen Descartes wenden: Sie irren. Nicht alle Menschen sind mit dem selben Verstand begabt. Der Unterschied liegt nicht im Talent und dem Können, den Verstand zu gebrauchen. Ich vermute, Sie sind einfach nur nie jemandem begegnet, dessen Verstand noch ein Staubkorn geräumig vorgekommen wäre.
Liebe Grüße aus dem Goldfischglas
Schwacher Speck
11 Sep 2010 Hinterlasse einen Kommentar
Der Geist ist willig, das Fleisch jedoch…oder: bin ich eine schwache Mutter?
Ein (eindeutiges) Indiz für eine schwache Mutter ist die Machtlosigkeit, mit der sie versucht, ihr Kind nach Hause zu locken, weg vom schönsten Spielplatz der Welt (einem See), der Reichtum der Erpressungsversuche, Drohungen, Bitten und jämmerlicher Flehversuche, den sie innerhalb einer halben Stunde aus ihrem Repertoire hervorkramt – wenn sie schließlich kapituliert, ihr Kind schnappt und nach Hause schleppt (natürlich unter heftigstem Widerstand, schlagend, tretend und ohrenbetäubend brüllend), hat sie wieder einmal versagt. Schwache Mütter sind Versager. Ja-Sager. Sie bekommen ständig aus berufenem und unberufenem Mund zu hören, wie wichtig Konsequenz ist, aber irgendwie scheinen diese Belehrungsversuche nicht zu fruchten. Konsequenz muss ein angeborener Killerinstinkt sein, den hat man – oder man hat ihn nicht. Theoretisches Vorhandensein von Einsicht und Wissen helfen praktisch nicht weiter. In den kritischen Momenten, in denen Konsequenz gefragt ist (was ist eigentlich Konsequenz?), kann die schwache Mutter sich nicht für eine bestimmte Vorgehensweise entscheiden. Sie scheut den Konflikt. Gleichzeitig überlegt sie sich ihre Optionen: Attraktive Lockangebote, beispielsweise Film schauen, Croissant vom Bäcker, Buch vorlesen (meistens überwiegt die Attraktion des aktuell vorhandenen Glückes). Fieberhaft eine grausame Drohung finden, die das schreiende kleine Monster dazu bringt, freiwillig mitzukommen (meistens erfolglos, trotzdem meistgewählte Variante). In Frage kommende Drohungen sind: Sandmannverbot (Mir doch egal, sagt das Monster), keine Gutenachtgeschichte (dann frag ich den Papa, sagt das kleine Monster), einen Tag nur Tomaten essen („Uäh“ – das hätte fast geklappt). Weiter Optionen: Weglaufen und so tun, als würde sie das schreiende kleine Monster nicht kennen. Das schreiende kleine Monster packen (und wegen Mißhandlung angezeigt werden) und hinter sich her schleifen (spätestens nachdem es sich auf den Boden geworfen hat, wird das brutal). Nachdem die ersten beiden Methoden versagt haben, ist das die Methode der Wahl. Natürlich muss sie das kleine Monster erst erwischen. Es hat etwas entschieden Unwürdiges an sich, ein Kind zu verfolgen und dabei zu schimpfen „Bleib stehen, ich habe keine Lust, dir hinterherzurennen!“, denn in diesem Moment erst enthüllt sich das ganze schreckliche Ausmaß der zu Grunde liegenden Schwäche.
Letztendlich gelingt es der schwachen Mutter vielleicht tatsächlich, das schreiende kleine Monster nach Hause zu befördern. Dann wird natürlich das Geschehene aufgearbeitet, die Gründe durchdiskutiert, Verhaltensweisen erklärt, und am Schluss sind sich alle wieder gut. Während die Mutter die Versöhnung mit ihrem Kind in einer Umarmung feiert, schleicht sich Monster Nummer zwei davon und sprüht sein Zimmer mit einer dicken Schicht Sonnencreme ein (wer hat die Sonnencreme zum Sprühen erfunden? Die Kindersicherung ist absolut kein Hindernis, ein Vorhängeschloss wäre vielleicht eine sinnvolle Alternative). Und während sie Monster Nummer zwei diszipliniert (oder so tut als ob), füllt Monster Nummer eins ihre Schuhe mit Fingerfarbenschmiere.
Am Ende eines weiteren langen Tages muss die schwache Mutter sich die Frage stellen, ob sie mit ihrer Machtlosigkeit der kriminellen Energie ihrer Kinder Vorschub leistet, oder ob die kreative (und unerschöpfliche) Phantasie der kleinen Tyrannen nicht doch ein gutes Zeichen für starke Persönlichkeiten ist, die wissen, was sie wollen und ihre eigene schöpferische Kraft zu nutzen wissen. Wahrscheinlich ist –wie immer – eine gesunde Ausgewogenheit zwischen konsequentem Durchgreifen und Respekt vor der kindlichen Schaffenskraft der Schlüssel zu einer entspannten Koexistenz. Und verfügt man nicht über den angeborenen Killerinstinkt (weil man schwach ist und sein Leben am liebsten widerstandslos vor sich hin lebt), sollte man vielleicht das nächste Mal so lange am See (oder auf dem Spielplatz oder im Wald oder wo auch immer) bleiben, bis das Kind völlig erschöpft im Stehen einschläft und nicht mehr merkt, dass man es heimlich still und leise nach Hause und ins Bett verfrachtet. Das wäre dann Konfliktvermeidungsstrategie. In diesem Sinne: Geht mal wieder an den See, und genießt es, solange dort keine moralischen Fallstricke auf euch lauern.
